Peder W. Strux zu Besuch im Studio von Ritchy Fondermann

Die Vinyl-LP „neu, gebraucht, geliehen und verraucht“ von Mahler/Fondermann ist frisch gepresst und gerade auf den Markt gekommen. Als ich Ritchy Fondermann in seinem Tonstudio in Hamburg-Ottensen besuche, liegt sie schon neben ihm.Der Eingang zum Tonstudio liegt in einem der vielen Hinterhöfe des Stadtteils. Ein kleines Klingelschild, eine graue Tür. Schon beim Öffnen klingt mir Musik entgegen. Vor einem großen Mischpult und Monitoren sitzt Ritchy Fondermann. Neben ihm: die neue LP. Mein Blick fällt sofort auf das Cover.
Das Cover und der erste Blick

Was ist das für ein Bild?
Es ist ein Werk von Daniel Richter, der früher auch Plattencover gemacht hat. Die Idee, ein Bild von Daniel Richter für dieses Album zu verwenden, stammt von Ritchy Fondermann selbst. Zunächst war das eher als Scherz gedacht. In der frühen Punkphase von Stephan Mahler trugen schon einige Platten ein Cover von Daniel Richter. Dann wurde angefragt — und es hat geklappt. Schon das Äußere dieser Platte erzählt also eine Geschichte von Referenz, Erinnerung und künstlerischer Setzung.
Die Songs in eine eigene Klangwelt übertragen
Auf der LP sind 13 Lieder versammelt: 9,5 stammen aus der Feder von Stephan Mahler, 3,5 von Ritchy Fondermann. Im Gespräch wird schnell deutlich, dass es hier nicht allein um die Songs selbst geht. Die eigentliche Frage lautet: Wie soll diese Musik sein, wie soll dieser Klang werden? Ritchy Fondermann nimmt die vorgelegte akustische Gitarrenidee von Stephan Mahler auf und überträgt sie in eine eigene Klangwelt. Melodie und Text sollen nicht einfach nur erklingen, sondern in einem neuen Soundgewand eine eigene Geschichte erzählen. Die dabei entstehenden Bilder eröffnen den Zuhörenden einen neuen Raum.

„Für mich ist der Sound eine Sprache“
Ritchy Fondermanns persönliches Instrument ist die Gitarre. Doch im Zentrum seiner Arbeit steht mehr als das Instrument selbst. Es geht um den eigenen Ton, um das Wiedererkennen der eigenen Handschrift im Klang.
Er sagt: „Der Ton liegt in den Fingern und ich möchte/muss meinen eigenen Ton gestalten. Für mich ist der Sound eine Sprache. Ich möchte mich in der Musik, die ich mache, wieder finden.“
Mehr als nur Musik: Ritchy Fondermann als Autor

Dieser Gedanke trägt seine Arbeit weit über die Musik hinaus. Diese besondere Form von Sprache findet sich im Sound, in seinen eigenen Liedern und auch in seinen Büchern wieder, darunter „Der Kapitän, der aus Wanne steigt“ aus dem Jahr 2024 und „Freitag, der Dreißigste“ von Fondermann und Gebhardt. Bücher, Texte, Videos oder Musik erscheinen bei ihm nicht als getrennte Disziplinen, sondern als verschiedene Formen derselben Sprache.

Eine weitere Ebene
Auf dem Monitor läuft ein Video zu den Liedern der Platte. Zwei Videos sind bereits online abrufbar. Auf meine Frage, was er da gerade mache, antwortet Ritchy Fondermann lachend: „Ich baue eine weitere Ebene.“ Genau so wirkt seine Arbeit auch: Texte, Musik, Sound und Bebilderung bekommen bei ihm eine Umsetzung, die über das einzelne Medium hinausweist. Es ist eine Darbietung, fast wie eine Performance.
Auch hier zeigt sich seine besondere Art. Sound, Worte und Bilder werden weitergeführt und neu zusammengesetzt, wie schon in anderen Musikvideos, etwa für Peter Baumann, Christian Kjellvander oder Rocko Schamoni. Erlebnisse und Eindrücke hebt er durch Videocollagen auf eine andere Ebene. Alle Videos haben einen Bezug zum Cover. „Man kann experimenteller werden und sein“:
Schatten; eine Waldszene, die sich selbst überlassen ist, wie Metarmorphosen – Trauer und Tränen, Frei sein, das Motiv des Ausbrechens aus dem Alltäglichen – ein MRT-Hirnbild wird zur Grundlage.
„So, jetzt ist es draußen“
Einige Zeit später. Eine Nachricht. Ritchy schaut auf sein Handy und sagt zufrieden: „So, jetzt ist es draußen.“ Auf meinen fragenden Blick folgt die Ergänzung: „Das neue Video ‚Frei zu sein‘ ist online.“ Dieser Moment bündelt vieles von dem, was seine Arbeit ausmacht: Musik ist bei ihm nie nur Ton, sondern immer auch Bewegung, Bild, Fortsetzung. Es geht nicht nur um eine Veröffentlichung, sondern um ein ganzes Gefüge von Ausdrucksformen.
Künstlerischer Weg

Ritchy Fondermann lebt in Hamburg. In Hamburg-Altona betreibt er das K-Klangstudio und hat dort bereits mit Rocko Schamoni, Los Fastidios, Feine Sahne Fischfilet und vielen anderen gearbeitet. Gemeinsam mit Kevin Winiker drehte er 2022 „Rettet die Clubs on Tour – der Film“. Zudem ist er seit einigen Jahren als Backliner für Die Toten Hosen auf Tour. Daneben ist er in diversen eigenen Projekten mit lauten und experimentellen Gitarrenklängen aktiv, schreibt Bücher und gestaltet Ausstellungen für Museen.
Kunst als Verpackung von Sprache
Je länger ich zuhöre, desto klarer wird: Für Ritchy Fondermann sind die verschiedenen Formate keine Nebeneinanderstellung. Bücher, Texte oder Videos sind wie die Musik eine Verpackung der Sprache. Immer geht es um Ausdruck, um einen eigenen Ton, um die Verbindung von Klang, Worten und Bildern. „neu, gebraucht, geliehen und verraucht“ ist deshalb nicht nur eine neue LP, sondern ein sehr genauer Einblick in seine künstlerische Arbeitsweise.
Das Künstlerporträt wurde von Peder W. Strux, dem zweiten Vorsitzenden des Paul-Klinger-Künstlersozialwerk e.V. verfasst. Er besuchte den Musiker und Autoren Ritchy Fondermann in dessen Musikstudio in Hamburg. Beide Künstler unterstützen das Künstlersozialwerk mit einer Vereinsmitgliedschaft.
Einige unserer rund 1000 Mitglieder sind auf unserer Seite „unsere Mitglieder“ zu finden.


