Projekte und Porträts

Unsere Mitglieder im Fokus

Autorin und Regisseurin Felicitas Korn, Mitglied im Künstlersozialwerk

Felicitas Korn – Drei Leben, ein Film

Regisseurin und Autorin zwischen Literatur, Kino und existenziellen Fragen

Weltpremiere bei den Hofer Filmtagen: „Drei Leben lang“

Drei Leben lang – ein Film von Felicitas Korn, Mitglied im Künstlersozialwerk

Im Oktober war der Kinosaal 4 bis auf den letzten Platz gefüllt. Unter den Besucherinnen und Besuchern saß die Regisseurin und Autorin Felicitas Korn – und sah ihren eigenen Film. Auf den Internationalen Hofer Filmtagen feierte ihr neuer Spielfilm Drei Leben lang seine Weltpremiere – in gleich drei ausverkauften Vorstellungen und mit überwältigendem Publikumsecho.

Auf der Leinwand begegnet das Publikum drei Männern in Momenten, in denen nichts mehr sicher ist: ein Alkoholiker, ein Waisenjunge, ein Dealer, der seine eigene Ware konsumiert. Jede Figur kämpft gegen etwas Unsichtbares – gegen Schuld, Erinnerung und die Bürden einer gemeinsamen Vergangenheit, die unentrinnbar scheint.

„Mich interessieren wahrhaftige Figuren in Geschichten, die etwas Existenzielles erzählen“, sagt Felicitas Korn, seit vielen Jahren Mitglied im Künstlersozialwerk.

Vom Roman zum Film: Drei Lebenslinien, ein Drama

Der Film Drei Leben lang basiert auf Korns gleichnamigem Roman (2020, Kampa Verlag). Bereits im literarischen Ursprung verhandelt sie drei Lebenslinien, drei Welten, die sich kreuzen. Daraus entwickelt sich ein Drama über Verloren-Sein, Verantwortung und die Sehnsucht nach einer zweiten Chance – auch dort, wo die Gesellschaft längst keine mehr vorsieht.

Gedreht wurde der Film in Frankfurt, im Taunus und an Orten zwischen Himmel und Untergrund: auf Dächern über der Stadt ebenso wie in dunklen, engen Räumen. In den Hauptrollen sind Friedemann Weber, Jonas Nay und André M. Hennicke zu sehen. Produziert wurde der Film von maze pictures, U5 Filmproduktion, Korn Film, All-In Production sowie dem ZDF / Das kleine Fernsehspiel.

Menschen in Zwischenwelten

Felicitas Korns Filme eint ein klares Interesse: Sie erzählt von Menschen in Zwischenwelten – verletzbar, widersprüchlich, leidenschaftlich, manchmal schuldig. Es sind Geschichten, die eine präzise filmische Führung verlangen, damit das Publikum der inneren Logik der Figuren folgt und sich nicht von der Schwere der Themen abwendet.

Diese Fähigkeit, den Kern ihrer Figuren feinfühlig und zugleich präzise freizulegen, trägt maßgeblich dazu bei, dass Korns Arbeiten regelmäßig ausgezeichnet werden. Ihr Fernsehfilm Wir haben einen Deal (ZDF, 2023), ein Drama über sexuellen Missbrauch im Leistungssport, erhielt unter anderem den Bernd Burgemeister Fernsehpreis, den Robert-Geisendörfer-Preis sowie eine Grimme-Preis-Nominierung.

Wir haben einen Deal – Film von KSW-Mitglied Felicitas Korn

„Ich will Menschen berühren“

Preise sind für Korn jedoch zweitrangig:

„Ich will Menschen berühren – an dem Punkt, an dem sie ihre eigene Wahrheit erkennen und zu sich und ihren Nächsten finden.“

Drei Leben lang – Film von Felicitas Korn, Mitglied im Künstlersozialwerk

Diese Haltung durchzieht Drei Leben lang in jeder Einstellung. Korn arbeitet mit wechselnden Perspektiven, vermeidet Sentimentalität und vertraut auf die Kraft ihrer Schauspielerinnen und Schauspieler. Im Unterschied zum Roman übersetzt sie ihr Mitgefühl für verletzte und verlorene Seelen hier in konkrete Bilder: Jede Bewegung ist gesetzt, jede Pause hat Gewicht.

So entsteht eine Geschichte, in der drei Männer durch eine traumatische Vergangenheit aneinandergefesselt sind und verzweifelt versuchen, ihr zu entkommen – obwohl es scheinbar nichts mehr zu verlieren gibt. Ein überraschender erzählerischer Eingriff am Ende stellt alles noch einmal radikal in Frage.

Biografische Stationen und künstlerische Haltung

Felicitas Korn wurde 1974 in Offenbach am Main geboren. Sie studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film München sowie an der Northern School of Film and Television in Leeds. Bekannt wurde sie mit dem Musikvideo Supergirl für Reamonn (2000). Ihr Spielfilmdebüt „Auftauchen“ (2006), ein radikales Beziehungsdrama über Körper, Nähe und Selbstverlust, wurde mit dem Best New Director Award des Brooklyn Film Festivals ausgezeichnet.

Neben ihrer Regiearbeit unterrichtet Korn Dramaturgie und Camera Acting, unter anderem an der ISFF Berlin. Mit ihren Studierenden spricht sie über Vertrauen, Haltung und das, was entsteht, wenn der Text verschwindet.

„Am Set hat man nur wenige Sekunden, in denen etwas wahr werden kann. Auf diese Momente arbeiten wir jahrelang hin – und orchestrieren sie im Schnitt zu einer stimmigen Form.“

Erinnerung, Verantwortung und Gegenwart

Erinnern und Verantwortung ziehen sich wie ein leiser Grundton durch Korns Werk. Das zeigt sich auch in ihrem Beitrag über die deutsch-jüdische Bildhauerin Erna Weill, erschienen 2024 in der Anthologie „Stolpertexte – Literatur gegen das Vergessen“ (Hentrich & Hentrich Verlag).

Drei Leben lang ist Korns dritter Spielfilm – und vielleicht ihr persönlichster. Ein Werk über das, was zerbricht, und das, was sich dennoch behauptet. Felicitas Korn schaut dorthin, wo andere wegsehen. Das ist ihre Form von Zärtlichkeit – und von Verantwortung.