Wir gratulieren
Am 22. November 2025 vollendet Dieter von Levetzow sein hundertstes Lebensjahr – Grund genug Lebensweg und Kunst des Bildhauers und Mitglied des Paul-Klinger-Künstlersozialwerk e.V. zu feiern.
Ein bewegtes Jahrhundert – Herkunft, Studium und Neubeginn
Geboren 1925 in Gronau, aufgewachsen in Bad Pyrmont, bestand er mit sechzehn die Aufnahmeprüfung an der Staatlichen Hochschule für Bildende Kunst Weimar. Dann kam der Krieg. Das Studium wurde unterbrochen, die polnisch-sowjetische Gefangenschaft folgte, erst danach konnte er in Weimar abschließen.
Der Weg nach Westen begann in Hamburg, führte zu einer Stelle als Bühnenbildner-Assistent in Heide und schließlich in die niederrheinische Paesmühle – ein umfunktioniertes Treibhaus war sein erstes eigenes Atelier. In den fünfziger Jahren folgte eine Studienreise nach Italien, die zu mehreren Jahren Arbeit als Bildhauer in Anacapri wurde. Später Bayern, danach wieder der Niederrhein. Seit den 1970er-Jahren lebt und arbeitet er auf Haus Klarenbeck in Kranenburg, einem 500 Jahre alten Rittersitz. „Das war eine Schrottkiste“, sagt er. Bei der Renovierung verlor er einen halben Zeigefinger – ein „Bauernopfer“.
Das Atelier dort ist bis heute in Betrieb. Die Heizung läuft nur im Wohnzimmer; der Rest des Hauses bleibt kalt. Doch Levetzow arbeitet täglich: Ton, Wachs, ein paar Schritte, hinsetzen, wieder aufstehen, ein Buch holen, ein Foto, eine Skizze. Die Bewegung ist Teil seiner Kunst und seines Wesens.
Ein Werk, das Menschen in Bewegung zeigt
Über die Jahrzehnte entstand ein Œuvre, das sich durch Leichtigkeit und einen präzisen Blick auf das Menschliche auszeichnet. Seine Figuren wirken oft so, als wollten sie aus dem Metall heraustreten – bewegt von einer inneren Lebensfreude und Schalk. Sein Werksverzeichnis umfasst mehr als einhundert Skulpturen – darunter der Rhinkieker in Rees, der Fährmann in Emmerich, der Forellenbrunnen in Kranenburg, der Janusbrunnen und der Cupido in Kleve. Viele dieser Figuren sind zu lokalen Markenzeichen geworden.
Seine bevorzugten Materialien wechselten im Lauf der Zeit: von Keramik zu Muschelkalkstein, schließlich zur Bronze, deren Gießtechnik er seit Ende der fünfziger Jahre konsequent verfolgt. Bis heute arbeitet er mit einer niederländischen Gießerei zusammen und ist aktives Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Medaillenkunst. International sichtbar wurde er mit Medaillen und Auftragsarbeiten, etwa für Worcester oder für die tschechische Gemeinde Třebívlice. Dort steht seine lebensgroße Bronze „Der Handkuss“, die Goethe mit seiner letzten großen Liebe Ulrike von Levetzow zeigt. Ein Motiv, dass ihn familiär berührt, denn Ulrike war seine Ururgroßtante. Zur Einweihung 2021 fuhr er selbstverständlich.
Humor, Haltung und gelebte Erfahrung
Zu Levetzows Wesen gehört ein feiner, trockener Humor, den man sowohl in seinem Schaffen als auch in seinen Gesprächen spürt. Eine gern erzählte Anekdote betrifft seine frühen Zeichnungen. Schon als Kind zeichnete er gerne und mit großer Selbstverständlichkeit nackte Frauen. Motive, die er zum Erstaunen seiner Eltern an der Decke der Bad Pyrmonter Wandelhalle fand. Dem Kind waren sie aufgefallen – den Erwachsenen nicht. Mit einer ähnlichen Selbstverständlichkeit bewarb er sich mit 16 Jahren mit einem Knetelefanten an der Kunstakademie in Weimar. Das Kultusministerium erteilte dem Minderjährigen eine Sondergenehmigung, verbot ihm aber die Teilnahme an Modellklasse – wegen der vielen nackten Frauen. Bis heute trägt er seinen alten Studentenausweis von 1941 bei sich und zeigt ihn gerne. s gibt noch viele weitere amüsante und lebenserfahrene Geschichten: von seiner Erfahrung als Protestant im katholischen Bayern, von den vielen Jobs, mit denen er sich über Wasser hielt, ehe der nächste Kunstauftrag kam, und von bürokratischem Irrwitz ebenso wie von begeisterten Kunstfreunden.
Auch die Erfahrungen seines Alters kommentiert er mit gewohnter Trockenheit Mehr als einmal galt er bereits als verloren. Vor einigen Jahren etwa, nach einem schweren Blutsturz, war im Krankenhaus schon der Bestatter bestellt. „Ich hatte alles bezahlt“, sagt er, „aber ich bin nicht gestorben. Jetzt kriege ich sogar Zinsen.“ Einen Abschied kann er sich derzeit nicht vorstellen, „weil immer jemand kommt und etwas braucht“.
Ein engagiertes Mitglied des Paul-Klinger-Künstlersozialwerk e.V.
Seit fast 45 Jahren ist Dieter von Levetzow Mitglied im Künstlersozialwerk. Hier identifizierte er sich nicht nur mit der Idee eines solidarischen Netzwerks für Kunstschaffende, sondern schloss auch eine besondere Freundschaft zum ehemaligen und inzwischen verstorbenen Präsidenten des Künstlersozialwerks, Hellmuth Matiasek. Dieser soll bei einem Ausstellungsbesuch beiläufig bemerkt haben, man sehe, dass Levetzow „Menschen lieber mag als Material“. Der Bildhauer hörte es, sprach ihn an – aus dem Satz entstand ein Gespräch, aus dem Gespräch eine Freundschaft. München wurde für ihn ein Ort, an dem seine Haltung ebenso geschätzt wurde wie seine Arbeiten. Insofern wundert es nicht, dass er trotz seines hohen Alters zu den Sommerfesten des Vereins fährt und den Austausch mit den anderen Mitgliedern pflegt.
Herzliche Glückwünsche zum 100. Geburtstag
Zum hundertsten Geburtstag blickt das Künstlersozialwerk auf ein außergewöhnlich langes, still beharrliches Arbeiten zurück: ein Jahrhundert, in dem ein Bildhauer Figuren geschaffen hat, die vielerorts zum alltäglichen Blick gehören. Der Verein gratuliert seinem Mitglied Dieter von Levetzow herzlich und verneigt sich vor einem Werk, das Menschen im wörtlichen Sinn in Bewegung zeigt – und damit weiterwirkt.